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Philosophie des Apfels / 02

Geschmack

Im Fruchtfleisch verliert der Apfel seine reine Bildhaftigkeit. Was eben noch bloß schön war, wird jetzt säuerlich, weich, dicht, trocken, saftig oder schneidend frisch.

Geschmack ist eine intime Erkenntnisform. Er lässt sich nicht aus der Ferne gewinnen. Man muss sich einlassen, hineinbeißen, kauen und unterscheiden. Erst dann spricht der Apfel wirklich. Und oft widerspricht er dem, was sein Anblick vorher versprochen hat.

Zwei unterschiedliche Äpfel nebeneinander
Der Geschmack entscheidet nicht nur über süß oder sauer, sondern über Textur, Reifegrad und Erinnerung.

Zeit im Mund

Im Geschmack zeigt sich auch Zeit. Ein Apfel kann früh, unreif, jung, ausgereift oder schon auf dem Weg ins Mehligwerden sein. Diese Erfahrung ist nicht abstrakt, sondern unmittelbar. Sie verbindet den Menschen mit Saison, Lagerung, Klima und Geduld.

Vielleicht ist der Apfel gerade deshalb so sprechend: weil in seinem Fruchtfleisch immer auch eine kleine Lebenspraxis enthalten ist. Wie lange wartet man? Welche Säure hält man aus? Was empfindet man als angenehm, was als zu herb, zu weich, zu streng?

Erfahrung statt Behauptung

Der Geschmack korrigiert das Bild. Er macht aus dem Apfel eine Begegnung. Und jede Begegnung verändert auch das nächste Sehen. Ein Apfel, der einmal wirklich gut war, erscheint uns fortan anders. So arbeitet Geschmack als Erinnerung im Körper weiter.